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Review Blacklight


Kryptozoologie ist nicht etwa ein Fantasiewort, sondern eine Grenzwissenschaft, die sich mit Wesen beschäftigt, deren Existenz vermutet wird, die aber nicht bewiesen ist. Darunter fallen auch Wesen wie der Yeti, fragliche Mischformen aus Mensch und Tier. Mit einer musikalischen Mischform aus Industrial, Ambient und Ritual bekommt man es hingegen auf dem zweiten Album des Projektes Compest zu tun.

Hinter dem Namen Compest verbirgt sich der Solo-Musiker Martin Steinebach, der manchen bereits durch seine Veröffentlichungen unter den Namen Conscentia Peccati, Stillstand und Monoid bekannt sein mag. Der Name seines jüngsten Projektes Compest setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der anderen Namen zusammen, was insofern logisch ist, weil Martin hier erstmalig Einflüsse aus diesen drei Projekten zusammenführt - also ein Album erschaffen hat, das Dark-Ambient, rituelle Klänge und Industrial-Sounds unter einen Hut bringt. Eine wagemutige Mixtur, die bestens zum Arbeitsfeld des jungen Münsteraner Underground-Labels Einzeleinheit paßt, welches sich zum Ziel gesetzt hat, Schnittstellenmusik zu veröffentlichen.

Wie unterschiedlich Schnittstellenmusik klingen kann, wird einem klar, wenn man den ersten Label-Output "Schwester Thelesitis" von Naarmann & Neiteler mit diesem Werk vergleicht. "Kryptozoologie" ist - entgegen all meiner anfänglichen Erwartungen - vergleichsweise sehr eingängig, was diesen experimentellen Randsektor betrifft. Stellt man die Klangkunst von Compest allerdings dem, was man heutzutage gemeinhin unter dem Begriff Industrial geboten bekommt, gegenüber, wird sich diese Behauptung kaum länger aufrecht erhalten lassen. Die grobe Richtung, in die Martin Steinebach mit seinen Sounds driftet, ist eher mit den Industrial-Protagonisten der alten Tage, beispielsweise Throbbing Gristle zu vergleichen als mit eingängigen, stampfenden Club-Sounds der Marke Suicide Commando und Co. Hinzu gesellen sich Stimmungen, wie man sie von Formationen wie Raison D`Etre oder Sepiroth kennt.

"Kryptozoologie" verzichtet auf die Benennung der fünf enthaltenen, zwischen fünf und elfeinhalb Minuten langen, Titel und läßt die Musik für sich alleine sprechen. Und diese ist ausgesprochen aussagekräftig, unerwartet vielseitig und schafft es mühelos, den Hörer zu fesseln und ihn in immer andere Stimmungen zu versetzen. In bedrohliche, wabernde Klangcollagen, flirrende, fiepsende und surrende Sounds, die von dunklen Klangteppischen unterlegt sind, brechen stellenweise ryhthmische Industrial-Attacken ein, die allerdings nie so aggressiv im Vordergrund stehen, wie bei Martins Industrial-Projekt Monoid. Track 2 verbindet auf sehr faszinierende Weise düstere Ritual-Soundscapes mit orientalisch oder asiatisch anmutenden Klängen, die einen sinnbildlich in die Atmosphäre eines Klosters zu entführen scheinen, wo Menschen (oder sollte man besser vermuten: Wesen?) unheil verkündende Gesänge von sich geben.

Nicht minder aufregend und einfallsreich zeigt sich Track 4, in dessen zweiter Hälfte Melodien einfließen, die beinahe mittelalterlich anmuten, an einen eleganten, höfischen Schreittanz erinnern. Dieses Flair wird allerdings gekoppelt an seltsam rauschende, wie von empfangsgestörten Sendern stammende, Klänge - also die moderne, wenn auch aus heutiger Sicht antiquiert wirkende, Technik. Die 45 Minuten dieses Werkes vergehen beinahe wie im Fluge, was in diesem Genre keinesfalls die Regel ist. "Kryptozoologie" spielt erfolgreich mit Gegensätzen wie Entspannung und Anspannung, Vertrautheit und Befremdlichkeit, Verängstigung und Geborgenheit. Vermutlich sind es diese Kontraste, die das Hören so angenehm machen, dem Hörer durch vertraute, wärmende Anteile den Zugang zu den dunklen Passagen erleichtern oder überhaupt erst ermöglichen.

Damit gehört "Kryptozoologie" ganz klar zu den derzeitigen Highlights des Ambient-Ritual-Industrial Sektors. Wer die Klangwelten von Raison D`Etre, Puissance oder auch Arcana Obscura liebt, sollte hier dringend mal ein Ohr riskieren. Gelegenheit dazu bieten diverse Hörproben auf der Website von Einzeleinheit - dem ersten Label für Schnittstellenmusik.

Marco Schwiers

Einzeleinheit - Label für neue elektronische Musik.
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