Review Feindesland
Diese Rezension möchte ich im Gegensatz zu meinen anderen Besprechungen, mit einer schwerwiegenden Frage einleiten: "Wird Tobias Fischer auf die Dauer ein zweiter Roger Karmanik?" Die Parallelen liegen klar auf der Hand, Roger Karmanik ist seines Zeichens der Boss des schwedischen Labels Cold Meat Industry und der Kopf des Industrial bzw. Noise Projektes Brighter Death Now. Tobias Fischer teilweise besser bekannt unter dem Namen Tocafi (auch Rezensent beim Terrorverlag und Tokafi), betreibt sein eigenes Label Einzeleinheit und gründete in Zusammenarbeit mit Mirko Uhlig (Aalfang mit Pferdekopf) die noch kleine aber feine Tonträgermanufaktur EX OVO, als wäre dies alles noch nicht genug Arbeit, erfreut er uns jetzt mit seinen musikalischen Ergüssen, die er unter dem französisch klingenden Namen Feu Follet auf den Markt bringt. Die gleiche Entwicklung ist da, ob das Ergebnis in ferner Zukunft identisch sein wird, bleibt abzuwarten.
Die Inspiration zum Namen "Feu Follet" hat sich Tobias Fischer aus einem Kunstfilm von Louis Malle aus dem Jahre 1963 geholt, die deutsche Übersetzung ist "Das Irrlicht". Die Handlung ist schnell erzählt, der Lebemann und Alkoholiker Maurice Ronet will seinem Leben ein zeitlich selbstbestimmtes Ende setzen. Zuvor plant er, alle alten Wegbegleiter aus seinem Leben ein letztes Mal zu besuchen, auf dieser Abschiedsreise durchlebt er eine Enttäuschung nach der Anderen.
Musikalisch bewegt sich Tocafi in einem ähnlichem Rahmen, wie die Projekte, die er auf dem münsteraner Label Einzeleinheit auflegt. Seine hörbare Kunst ist eine Mischung aus den Teilbereichen Dark Ambient und überwiegend Drone. Die Konsumenten bekommen zwei Stücke mit den vielversprechenden Namen "Toi et le son" und "Larme d'Heike" geboten, welche beide eine Spielzeit von knapp über 18 Minuten aufweißen.
Eigentlich bietet sich diese Besprechung geradezu für eine Grundsatzdiskussion an. In den letzten Jahren ist die Stilrichtung Drone immer mehr in Mode gekommen, mit dem Resultat, dass die Reviewer und Konsumenten diskutieren: "Wie monoton darf Drone sein?". Meiner Ansicht nach, ist Monotonie ein Markenzeichen des Drone und bedingt somit keiner Abwechslung. Wer melodiöse Unterhaltung sucht wird im reinen Drone Genre nicht fündig, somit verstehe ich nicht, warum gewisse Kritiker immer wieder den einheitlichen Sound im Drone bemängeln. Bei Verschmelzungen aus Drone mit Dark Ambient, experimentellen Klängen oder wahlweise die musikalische Kategorie einsetzen, schaut die Situation ganz anders aus.
Wie ich schon im dritten Absatz dieser Besprechung angedeutet habe, liegt der Schwerpunkt von Tocafis Musik auf Drones. Das Stück "Toi et le son" ist sehr monumental ausgefallen, eine bzw. zwei Frequenz(en) umgarnt(en) die Hörerschaft bis zu totalen Wahnsinnigkeit - das Stück besticht durch ganz feine abwechslungsreiche Nuancen, die erst beim mehrmaligen Hören zum Vorschein kommen - das Konzept könnte Frau oder Mann als Überlagerung von Drones beschreiben. "Larme d'Heike" hingegen ist vom Grundsound noisiger ausgefallen, wieder stehen Drones im Vordergrund, die zum Teil klanglich an das rotieren eines Rades erinnern. Als Gegenpart werden leichte Dark Ambient Klänge eingestreut, die aber sicherlich nicht überwiegen. Für Dark Ambient Puristen dürften sie nicht ausreichend sein, um an diesem Tondokument Gefallen zu finden. Für Drone Liebhaber hingegen, dürfte dieses Release ein Leckerbissen sein.
Fazit:
Wer nicht auf Drones steht, wird mit dieser Veröffentlichung sicherlich nicht klarkommen und sie dementsprechend auch nicht würdigen. Wer hingegen anspruchsvolle Drones sucht, wird hier sein Hörerlebnis finden. Ein sehr schönes Debüt, welches Hoffnung für die Zukunft des noch jungen Künstlers macht. Ich hoffe, das hier zuhörende Potential wird auf dem nächsten Album umgesetzt und die Kariere vorantreiben.
By Raphael
